Der Neue Markt ist tot – es lebe der Neue Markt

Vor gut vier Monaten hat die Deutsche Börse mit dem „Entry Standard“ einen neuen Index aus der Taufe gehoben. Ziel war es, kleinen und mittleren Unternehmen, den Weg aufs Parkett schmackhaft zu machen. Geringe Kosten aufgrund sehr überschaubarer Publizitätspflichten heißt das Konzept. Der neue Index fußt dabei auf dem Freiverkehr, ist also eine rein privatrechtliche Veranstaltung. Es gibt keine Börsenaufsicht und auch die hohen Transparenzanforderungen des öffentlich-rechtlich organisierten Marktes sind hier unbekannt.

Die Idee funktioniert: Schon 27 Gesellschaften haben die Emission gewagt. 30 weitere werden im Laufe des Jahres noch erwartet. Das Vorbild aus England, die AIM, ist schon lange überflügelt. Deutlich größer sind beim deutschen Pendant sowohl Zahl der Trades als auch das gesamte Handelsvolumen. Überraschend, fehlt hier doch die steuerliche Begünstigung, die der britische Fiskus der AIM einräumt. Auch für die Anleger scheint der Entry Standard zu einer echten Erfolgsstory zu werden. Ein Kursplus von über 50 Prozent seit Auflegung spricht Bände.

Grund zum Jubeln, möchte man meinen, wenn da nicht die schlechte Erfahrung mit dem Neuen Markt im Hinterkopf wäre. Nach einem wahren Kursfeuerwerk kam der Absturz. Zwischen 2000 und 2003 verlor das Segment 95 Prozent an Wert. Die Schließung war die konsequente Folge. Steht dem Entry Standard eine ähnliche Entwicklung bevor? Die Befürchtung ist zumindest nicht von der Hand zu weisen. Sind doch alle Zutaten für einen Crash vorhanden. Unternehmen, die bei kaum fünfstelligen Umsätzen, Verluste ausweisen, können innerhalb weniger Monate ein Kurswachstum im dreistelligen Prozentbereich vorweisen. Marktkapitalisierungen im dreistelligen Millionenbereich sind trotz der mageren Zahlen keine Seltenheit. Für die Anleger kann das nur bedeuten: Vorsicht walten zu lassen!

Ulrich Hocker