Der Fall Siemens muss Konsequenzen haben
Nach DaimlerChrysler und Volkswagen hat es nun also auch Siemens erwischt. Das Korruptionsgespenst geht um in deutschen Unternehmen. Die Dimensionen des neuen Falls klingen gewaltig. Immerhin rund 420 Millionen Euro sollen bei Siemens über schwarze Konten gelaufen sein, um dann in ebenso dunklen Kanälen zu versickern. Auch wenn sich die Summe etwas relativiert, wenn man dagegenhält, dass der Elektronikkonzern einen täglichen Auftragseingang von rund 350 Millionen Euro zu verzeichnen hat, ist mehr als erstaunlich, dass die Münchner sich zunächst weit gehend aus der öffentlichen Diskussion heraushielten, statt eine aktive Rolle zu übernehmen. Erst nachdem in den Medien einige Wochen munter drauflos spekuliert worden war, wagte sich Siemens mit der Ankündigung aus der Deckung, dass die laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen unterstützt werden.
Der Imageschaden, den das Unternehmen aufgrund des langen Schweigens hinnehmen musste, ist immens. Nun soll eine eigens beauftragte amerikanische Rechtsanwaltskanzlei für Klarheit sorgen. An sich ist gegen den Einsatz externer Berater nichts einzuwenden. Doch der Grund für den Ruf nach den Spezialisten ist wohl nur zum Teil der Wahrheitssuche geschuldet. Denn klar ist, dass Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer diese Untersuchungen nicht selbst durchführen kann, da es um Vorgänge geht, die unter seiner Ägide als Vorstandsvorsitzender ihren Anfang nahmen. Im Juristendeutsch würde man sagen, er ist, da zumindest mittelbar betroffen, inhabil. Der Fall zeigt erneut sehr deutlich, dass die in Deutschland nach wie vor übliche Praxis, die Karriere eines Vorstandschefs mit der Ernennung zum Aufsichtsratsvorsitzenden derselben Gesellschaft zu krönen, nicht zukunftsfähig ist.
Ulrich Hocker

