Bei Siemens ist die Zeit reif für eine neue Chance

Der Name Siemens steht für einen der traditionsreichsten deutschen Industriekonzerne. Siemens produziert vom Küchengerät über LEDs und ICE-Triebwagen bis zum Computer-Tomografen und ganzen Kraftwerken Hochtechnologie von Weltformat. Doch dafür interessiert sich seit einem Jahr niemand. Seither laboriert der Konzern an einer Korruptionsaffäre, die das Unternehmen in den Grundfesten erschüttert und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Siemens hat Strafe gezahlt, seinen Vorstandschef ausgetauscht und seine Bereiche umgekrempelt, um die Affäre beenden zu können. Geholfen hat das nur bedingt. Immer noch dominiert die Korruptionsaffäre die Nachrichtenlage: Beinahe täglich gibt es Meldungen über noch größere Summen oder zusätzliche Beschuldigte. Der Neustart, den Konzernlenker Peter Löscher zu schaffen versucht, wird über Gebühr erschwert.

Ein Grund dafür liegt in der US-Orientierung des Unternehmens. Weil Siemens als einer der wenigen deutschen Konzerne an der New Yorker Börse (NYSE) gelistet ist, wird das Unternehmen auch nach US-Maßstab durch die Brille der Börsenaufsicht SEC gesehen bewertet. Ein Unterschied: Während hierzulande Unternehmen bis 1999 Bestechungsgelder als „notwendige Betriebsausgaben“ sogar absetzen konnten, kann bei der SEC sogar eine einfache Falschbuchung zum Untreue-Verdacht führen. Die Folgen davon badet Siemens nun aus. Mit zunehmender Dauer wird der Skandal nicht nur aufgeklärt, sondern vor allem dramatisiert. Das Unternehmen ist maßgeblich an einer Offenlegung der Fakten beteiligt, um den Neuanfang zu schaffen. Es wird Zeit, dass Siemens zur Normalität zurückkehren darf und kein nachhaltiger Schaden für Aktionäre bleibt.

 

Ulrich Hocker